


Auszug aus Kapitel 1
- Mit Katzenjammer im Gepäck
„Hicks, mir ist vielleicht übel!“, stöhnte der pummelige, schwarz-weiße Kater mit kurzem Fell in seinem, wie er lautstark beklagte, viel zu engen Gefängnis.
Der elegante Weidenkorb war für die gut genährte Katze tatsächlich etwas zu schmal, und die schwarzen Gitterstäbe sowie das kleine Schloss direkt vor seiner Nase erinnerten mit etwas Fantasie entfernt an eine Gefängniszelle aus den dreißiger Jahren. Nur das samtweiche Kissen auf dem Boden passte nicht ganz ins Bild, es sei denn, man meinte vielleicht Al Capones Gefängnissuite.
Doch waren es im Moment viel mehr das anhaltende Unwohlsein und der gleichzeitige starke Drang, auf die Toilette zu müssen, die Tommy wesentlich mehr störten.
„Auf und nieder, hin und her – also wirklich, schlimmer als eine alte Postkutsche auf Kopfsteinpflaster im London des guten alten Dickens!“, maunzte seine Schwester zustimmend. Sie war wenige Minuten älter als ihr Bruder, etwas kleiner, mit ebenso kurzem, jedoch tiefschwarzem Fell, und saß in ihrer eigenen Weidenkutsche gleich nebenan.
Die beiden Körbe waren zwar sorgfältig vor Fahrtbeginn auf der Rückbank festgeschnallt worden, doch die altersschwache Federung des betagten roten VW-Käfers aus den Sechzigerjahren leistete schon zu Anfang nur wenig und seit nun gut zwei Kilometern gar keinen ernsthaften Widerstand mehr gegen die zahlreichen Stöße der holprigen Straße.
Peitschender Regen und das tiefe, unheilvolle Grollen am Firmament kündeten weiterhin von einer langen, stürmischen Nacht. Blitze zerrissen die Dunkelheit und gaben für einen Augenblick schemenhaft etwas von der Umgebung preis.
Die beiden vergilbten Scheinwerfer schnitten schwach einen Tunnel durch die Düsternis und zeichneten grob den alten, verwitterten Weg nach, dem er trotzig folgte.
Gepeinigt von den letzten acht Stunden trat Crisben gereizt und mit etwas zu viel Engagement als nötig auf die Bremse.
„NEIN!“, rief er entgeistert und stimmte damit lautstark in den Protestgesang seiner beiden Schnurrhaarträger mit ein, während das Fossil auf Rädern abrupt zum Stehen kam.
Der genervte Gefängniswärter und Postkutscher der beiden lautstarken Passagiere auf dem Rücksitz war vierunddreißig Jahre alt, knapp einen Meter siebzig groß und trug sein schütteres blondes Haar kurz geschnitten. Wobei sein gepflegter roter Spitzbart ihm ein recht markantes, fast schelmisches Aussehen verlieh. Wie so oft trug er auch an diesem Tag eine seiner lässigen Secondhand-Cargohosen, dazu irgendein schwarzes T-Shirt mit einem Spruch darauf, welches er im Vorbeigehen aus dem Schrank gezogen hatte.
Er war Schriftsteller und arbeitete gerade an der Veröffentlichung seines ersten Buches. Mit kleineren literarischen Werken hatte er schon den ein oder anderen kleineren Erfolg, doch ein echter Roman fehlte ihm noch.
„Geht gar nicht, hicks!“, jammerte Tommy, der beim plötzlichen Bremsmanöver unsanft mit der Nase gegen die Gitterstäbe gedrückt worden war, was ihm so gar nicht gefiel.
„Was ist denn jetzt wieder passiert?“, wollte seine Schwester verwundert wissen, die von dem ganzen Gerumpel schon etwas schummrig vor den Augen geworden war.
Erschrocken hatte Crisben festgestellt, dass sein Smartphone-Akku nun gänzlich leer war und er somit auch kein Navi mehr hatte. Der Empfang war zwar schon vorher gestört gewesen, doch wenigstens sah er da noch, ob zumindest die Fahrtrichtung korrekt war, was ihn bis hierhin geführt hatte – wo auch immer das sein mochte.
So entschied er sich erst einmal, anzuhalten, um seine Lage zu sondieren. Die seit acht Stunden fortwährend durchdringenden, vorwurfsvollen Klagen seiner beiden Beifahrer ließen ihn jedoch auch jetzt nicht zur Ruhe kommen. Und so zog er nach einigem Überlegen das heulende Unwetter dem jaulenden Geschrei seiner Katzen vor.
Im zuckenden Reigen des verwehenden Regens entsprang ein greller Blitz dem Wolkenmeer, und für einen Moment vernahm Crisben aus dem Augenwinkel heraus ein seltsames Aufblitzen am rechten Fahrbahnrand. Neugierig ließ er seinen Blick hinüberschweifen, und zunächst wollte er seinen Augen nicht trauen, doch auch nach längerem Hinschauen kam es ihm immer so vor, als hätte der kleine Baum dort hinten einen silbernen Stamm.
Der Sturm, dessen Böen Orkanstärke erreichten, hatte mehrere der jüngeren Laubbäume am nahen Waldrand entwurzelt und einen davon frontal in jenes Schild getrieben, dem sich Crisben gerade näherte. Gegen den Wind kämpfend drückte er sich Schritt für Schritt voran, bis er letztlich erkannte, was sein Silberbaum in Wirklichkeit war: eine gelbe Entfernungstafel, die den Ort Schwarzenholz in zwei Kilometern ankündigte.
Nun war es nicht mehr weit, und Crisben, erfrischt durch den kühlen Regen, beseelte frischer Mut. Tapfer stieg er wieder zurück in seine ganz private audioakustische Folterkammer, um auch noch den Rest des Weges hinter sich zu bringen.
Ein Vierteljahrhundert war es nun schon her, dass er seinen Großvater das letzte Mal in seiner Kindheit besucht hatte. Er erinnerte sich an die vielen reichlich verzierten Kuchen, den kleinen Garten mit dem Teich darin und den großen Kamin im Haus.
„War es sein fünfzigster oder sechzigster Geburtstag gewesen?“, grübelte er leise vor sich hin. „Sechzig war es, genau! Menno, ist das schon so lange her?“, sinnierte er kurz über die relative Wahrnehmung der Zeit und ihre Vergänglichkeit.
Ächzend überquerte der betagte Veteran auf Rädern die kleine Brücke am Ortsschild und tuckerte dann langsam die Hauptstraße entlang – vorbei an der altehrwürdigen Kirche des kleinen Dreitausend-Einwohner-Dorfes im grünen Herzen des Saarlandes.
„Wo ist denn der Dorfbrunnen geblieben?“, fragte er sich erstaunt und blickte dabei etwas verloren umher. „Da habe ich doch als Kind drinnen gespielt“, entsann er sich. Er hatte den zentralen Ortskern erreicht, wo die Geschäfte und Kneipen, der Friseur und die kleine Poststube angesiedelt waren. Dort auf dem großen Marktplatz hielt er kurz an, um sich weiter zu orientieren.
Einige markante Plätze wie der alte Spielplatz, auf dem jetzt allerdings die Glas- und Papiercontainer standen, oder die längst schon in eine Wohnung umgebaute Eisdiele fielen ihm schlagartig wieder ein und brachten ihn doch nicht weiter.
Auf Hilfe brauchte er bei diesem Sturm und um diese Uhrzeit auch nicht zu hoffen, und so musste er sich auf seine eigenen verklärten Erinnerungen aus den Jahren seiner Kindheit verlassen.
Schlussendlich gelangte er, wenn auch mit dem ein oder anderen Umweg, doch noch zu dem Ziel seiner mühevollen Reise, dem Haus seines kürzlich verstorbenen Großvaters.
„Okay, ihr beiden, ich schließe nur schnell auf und dann geht’s auch schon rein“, beruhigte er seine beiden quengelnden Insassen.
Im bösartigsten Sturm des Sommers und mit keiner Ahnung, welcher Schlüssel am Bund der richtige war, gab er sein Bestes, um die Haustüre schnellstmöglich aufzubekommen.
„Ach, verdammt, jetzt mach schon!“, flehte er im strömenden Regen, den der schneidende Wind in seine Augen trieb und ihm so immer wieder die Sicht nahm.
Nach einigen anfänglichen Fehlversuchen ertönte dann aber schließlich ein erlösendes metallisches Klicken! Hastig stieß er die schwere Holztüre auf und betrat das Haus. Endlich im Trockenen, wenn auch dunklen Flur, tastete Crisben sogleich nach einem Lichtschalter. „Hier irgendwo war er doch immer gewesen“, versuchte er, sich zu erinnern.
So fuhr er vorsichtig mit seinen nassen Händen weiter an der rauen Wand entlang, in der Höhe, in der man einen Schalter vermuten sollte. Lange musste er nicht suchen, da spürte er auch schon dessen unverkennbare Form unter seiner flachen Hand.
„Hab’ ich dich!“, freute er sich zuerst. Doch egal, in welche Richtung er den Lichtschalter auch schob, es blieb weiterhin dunkel.
„Na, super! Aber stimmt, da stand etwas von Strom und Wasser in dem Brief – nur wollte ich mich eigentlich erst darum kümmern, wenn ich hier einmal angekommen bin“, beschwerte er sich bei dem toten Schalter darüber, dass heute anscheinend alles schiefgehen wollte, was konnte. „Und nun?“, entrüstet darüber, das Schreiben nicht zur Gänze gelesen zu haben, überlegte er kurz, wie es weitergehen sollte. „Kerzen? Taschenlampe? Irgendetwas wird sich doch wohl finden lassen. Aber was und vor allem wo?“
Das Wehklagen vom Rücksitz wurde währenddessen immer lauter und machte ihm konsequent klar, dass die Frage nach dem Wann hier die deutlich wichtigere war. Hierin waren sich Tommy wie auch Pebbles sogar einmal einig, was ansonsten nicht so häufig vorkam.
„Moment noch!“, schrie Crisben ihnen durch den Sturm entnervt entgegen. „Papa kommt gleich!“, versprach er ihnen dann etwas ruhiger, in einer wesentlich gutmütigeren Tonlage. Es brachte überhaupt nichts, auf die beiden unschuldigen Tiere grundlos wütend zu sein, wenngleich ihr unentwegtes Gejammer auch nicht unbedingt dazu beitrug, seine gereizten Nerven zu schonen.
Es war inzwischen kurz vor vier Uhr morgens, und sowohl der Zweibeiner als auch seine vierbeinigen Mitreisenden fühlten sich nach der langen Autofahrt einfach nur müde und gerädert.
„Die langen Streichhölzer beim Kamin!“, fiel ihm da spontan ein – so tastete er sich die Wand entlang, bis er auf eine hölzerne Türe zu seiner Rechten stieß.
„Genau richtig! Das hier sollte das Zimmer mit dem großen Kamin sein!“, hoffte er und betrat geschwind den Raum, der vor ihm lag. „Hier gab’s doch immer diese ewig langen Zündhölzer“, entsann er sich zurück und krachte erst einmal erschrocken gegen den Ohrensessel, der mitten im Weg stand. „Uff! Na ja, zumindest nichts Hartes“, entfloh es Crisben.
Von da aus versuchte er, sein Glück weiter links, um den Sessel herum, und stieß so scheppernd an den kleinen Couchtisch, der danebenstand. „Verflixt noch eins!“, beschwerte er sich und rieb sich dabei sein Schienbein. „Das allerdings war jetzt hart.“
Schon in der eigenen Wohnung ist es riskant, im Dunkeln quer durch einen Raum zu marschieren, doch hier, in nahezu fremder Umgebung, schien es ihm schlicht unmöglich. Zumindest nicht, ohne dass etwas zu Bruch ging oder er selbst Schaden nahm. Also machte er lieber wieder zwei Schritte zurück und entschied sich dann, vorsichtig an der Wand entlangzutasten.
Er wusste, dass es zur Einfahrt hin ein großes Fenster gab, und so säumten etliche kleine Bilder, die er versehentlich von der Wand stieß, seinen Weg, bis er schließlich das mit schweren, samtroten Gardinen verhängte Fenster erreichte. Eilig zog Crisben die angestaubten Vorhänge beiseite und sogleich funzelte das, wenn auch nur kläglich schwache, Licht der Scheinwerfer aus der Einfahrt in die Wohnung hinein.
Der Rest war relativ einfach: Erst ein paar Streichhölzer finden und damit die drei unterschiedlich großen Kerzen, die schon im Raum verteilt standen, entzünden.
Gleich danach waren eigentlich die zwei Insassen der Gefängniskutschen an der Reihe. Aber wer selbst Katzen hat oder zumindest einen Katzenbesitzer kennt, weiß, dass es mit den zwei Weidenkörben nicht getan war.
Um seine Vierbeiner zu erreichen, musste er sich erst einmal den Weg dahin freiräumen. Und so lud er zuerst das Katzenfutter samt Fressnäpfen und Wasserschüsseln aus, gefolgt von der Katzentoilette und der Einstreu. Natürlich durfte auch ihr kleiner Kratzbaum für schlechte Tage nicht fehlen, an denen die beiden Freigänger lieber drinnen blieben. Das geliebte Spielzeug und ihre betörenden Duftkissen bildeten den Schluss.
Dann waren endlich die Vierbeiner selbst an der Reihe. Zuerst Tommy, dann Pebbles und das Ganze sowohl schnell als auch mit Bedacht, denn durchgeschüttelt und gestresst waren sie schon genug. Doch für die beiden protestierenden Katzen war im Moment schlichtweg alles doof und egal, mit welchen liebevollen Worten Crisben auch versuchte, beruhigend auf sie einzuwirken, ihre Widerworte ließen keinen Zweifel daran, welche Meinung sie zu alldem hatten.
Eilig brachte er noch seinen kleinen Koffer und den Rucksack mit allen wichtigen Unterlagen über sein Erbe und das Haus ins Kaminzimmer und schloss dann die Türe hinter sich. Tommys unentwegtes, hohes Jaulen und Maunzen prädestinierten den Kater, als Erster aus seinem Gefängnis befreit zu werden.
„Toilette!“, brüllte der Kater sofort und stürmte los, einzig auf der Suche nach schnellstmöglicher Erleichterung, alles Weitere war ihm in diesem Moment erst einmal egal.
„Hier drüben!“, rief Pebbles und deutete auf das Katzenklo, welches noch neben der Tür stand, während Crisbens dabei war, ihre Gefängniskutsche zu öffnen.
„Platz!“, hastete Tommy mit einem großen Sprung quer durch den Raum, über den Ohrensessel hinweg und schon einige Momente später wich sein durch Verzweiflung verzerrtes Gesicht langsam einem zutiefst zufriedenen Lächeln.
„Da hat es aber wer eilig gehabt, es ist doch noch gar keine Streu drinnen“, wunderte sich Crisben über den seltenen sportlichen Einsatz seines ansonsten eher gemütlichen Katers. Bevor auch noch Pebbles selbiges tat, füllte er eiligst etwas von der Streu hinein und wühlte dann in dem Koffer mit den Katzensachen darin. „Habt ihr Hunger?“, war schon immer eine ziemlich überflüssige Frage gewesen und nach acht langen Stunden Autofahrt umso mehr, sollte man meinen.
Doch der dicke orientalische Teppich, der große rote Ohrensessel, die alte, zerschlissene braune Ledercouch – ja, selbst der Blick aus dem dunklen Fenster und nicht zuletzt der Geruch der Vorbesitzer – all das wirkte fremd und neu auf sie. Es war gerade so, als lade das neue Haus sie zum Erkunden ein.
Das große Bücherregal aus geöltem Walnussholz, mit den vielen angestaubten Bänden alter Klassiker und einigen neueren Werken, interessierte indes Crisben, der die Lust am Lesen von seinem Großvater geerbt hatte und sich nun an seine Lesestunden mit ihm zurückerinnerte. Und so kannte er auch schon viele der alten Romane, war dann aber freudig überrascht, auch eine zeitgenössische Buchreihe zu entdecken, von der er selbst schwärmte.
„Ach, sieh an! Lilian Jackson Brauns „Die Katze, die den Käse roch“, und hier „Die Katze, die vom Himmel fiel“. Na, immerhin etwas Positives heute, denn Fernsehen ist hier ja wohl nicht.“
So stöberte er noch eine Weile weiter, bis sich etwas Weiches schnurrend an seinem Bein rieb und nach Aufmerksamkeit verlangte.
„Na, alles abgeschnüffelt und gründlich erforscht?“, fragte Crisben seine Fellnasen und bekam ein bejahendes „Mau!“ als zufriedene Antwort, wobei den beiden so ziemlich alles lieber gewesen wäre, als weiter auf dem Rücksitz festgeschnallt zu sein.
„Habt ihr auch brav etwas gefressen?“, erkundigte er sich, während er ihre Näpfe in Augenschein nahm.
Tommys Schüssel war wie immer leergefressen und sauber ausgeschleckt, was man von der näheren Umgebung um ihn herum jedoch nicht sagen konnte.
Pebbles Platz hingegen ließ wie immer einen Anstandsrest übrig; war sie doch etwas kleiner und deutlich zierlicher als ihr Bruder und achtete dabei penibel auf Sauberkeit.
„Schlafenszeit!“, verkündete Crisben dann und ließ sich dabei rücklings in den gut gepolsterten Ohrensessel fallen. Viel zu müde, um sich noch umzuziehen, schlief er schon wenige Augenblicke später friedlich ein.
Die Katzen, nun gesättigt und ebenso wie Crisben von den Begebenheiten der Nacht überwältigt, nahmen das große braune Ledersofa in Beschlag und taten es ihrem Zweibeiner dann gleich.
Die Kerzen warfen ihr flackerndes Licht an die Wände, die von alten Bildern längst vergangener Tage gesäumt waren. Langsam verstummte der zornige Sturm und eine friedvolle, wohlverdiente Ruhe breitete sich aus. Nur noch das leise Pochen der Regentropfen am Fenster sowie die aufgeregten Stimmen zweier Mäuse durchbrachen leise die Stille der Nacht.
„Was soll denn das jetzt wieder?“, fragte Anton aus seinem kleinen Loch heraus, die Augen weit aufgerissen.
„Hausbesetzer! Einbrecher! Mörder!“, zählte ihm seine Schwester angsterfüllt auf und starrte dabei auf Tommy, der mit allen Vieren von sich gestreckt friedlich auf der Couch lag.